EUROPA ZWISCHEN LOCKDOWN UND IMPFSTART

Großbritannien droht "Double Dip"

Neuerlicher Lockdown - Johnson setzt auf ambitioniertes Impfprogramm

Großbritannien droht "Double Dip"

Von Andreas Hippin, LondonGroßbritannien steht vor einer “Double Dip”-Rezession, nachdem Premierminister Boris Johnson England einen weiteren Lockdown verordnet hat. Schottland, Wales und Nordirland verhängten vergleichbar drastische Ausgangsbeschränkungen. Selbst Grundschulen wurden geschlossen. Oppositionsführer Keir Starmer (Labour) unterstützte die Maßnahmen der Regierung. Johnson bemühte sich, den Menschen in seiner Fernsehansprache unter Verweis auf die laufende Impfkampagne noch ein Fünkchen Hoffnung zu lassen. Sein Kabinettskollege Michael Gove trat es wenig später mit der Feststellung aus, der Lockdown könnte auch bis März oder länger dauern.Es wäre das erste Mal seit den 1970er Jahren, dass das Land erneut in eine Rezession abrutscht, nachdem ein oder zwei positive Quartale auf einen Abschwung folgten. Der Deutsche-Bank-Volkswirt Sanjay Raja geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Quartal um 1,4 % schrumpfen wird, nachdem es bereits im Schlussquartal 2020 um 1,0 % zurückgegangen sein dürfte. Schatzkanzler Rishi Sunak brachte ein 4,6 Mrd. Pfund schweres Hilfspaket an den Start, das es vom Lockdown betroffenen Unternehmen des Einzelhandels, des Gast- und des Freizeitgewerbes ermöglichen soll, ihre Fixkosten wie etwa Mieten, Strom- und Gasrechnungen zu decken. Die Personalkosten werden durch ein anderes Programm abgedeckt: Das Coronavirus Job Retention Scheme, das der deutschen Kurzarbeit ähnelt, wurde bis Ende April verlängert. Sunak stellte den Lokalverwaltungen weitere 1,1 Mrd. Pfund zur Verfügung und legte einen 600 Mill. Pfund schweren Fonds für Firmen auf, die den Anforderungen für die Inanspruchnahme des Hilfspakets nicht entsprechen. Die Pandemie kostete dem Einzelhandelsverband BRC zufolge im vergangenen Jahr 178 000 Stellen. Weitere 250 000 Mitarbeiter der Branche befänden sich derzeit im Zwangsurlaub. Die Filialen von Beales, Mothercare, Oliver Sweeney und TM Lewin schlossen 2020 für immer die Pforten. Tests und schnelle Impfungen seien der Schlüssel dazu, den Lockdown-Kreislauf zu beenden, sagte die Verbandschefin Helen Dickinson. Der Branchenprimus des britischen Einzelhandels Tesco und die Pubkette Brewdog gehörten zu den Unternehmen, die Unterstützung bei der Durchführung der Impfungen anboten. Gesundheitswesen ächztDie harschen Restriktionen waren nötig geworden, weil das öffentliche Gesundheitswesen NHS mit der rasant steigenden Zahl von Coronainfektionen schon bald nicht mehr fertig werden könnte. Überraschend kommt das nicht: Es gibt schon bei einer herkömmlichen Grippewelle Probleme, den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten. Doch das Coronavirus ist bösartiger. Mittlerweile sterben zwar weniger Patienten. Dafür sind die Krankenhausbetten länger belegt. Der Fokus der Gesundheitsbürokratie auf die Primärversorgung hat dafür gesorgt, dass es heute in England weniger Krankenhausbetten gibt als vor der Einrichtung des NHS. Noch werden auch andere Patienten versorgt, etwa in der Krebstherapie.Ob der erneute Lockdown das Gesundheitssystem wesentlich entlasten kann, ist umstritten. Schließlich galten in den besonders betroffenen Regionen des englischen Südostens bereits vergleichsweise strenge Kontaktbeschränkungen. Die Regierung setzt deshalb alles auf ihr ambitioniertes Impfprogramm. Bis Mitte Februar sollen 13 Millionen Menschen geimpft werden: die über 70-Jährigen, Pflegekräfte und NHS-Personal sowie jüngere Menschen, die wegen anderer Erkrankungen als besonders gefährdet gelten. Dann könnte über eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen nachgedacht werden. Angesichts der bürokratischen Verkrustungen im Gesundheitswesen gibt es aber große Zweifel, ob sich der Zeitplan einhalten lässt. Raja rechnet erst für das Ende des ersten Quartals damit, dass nahezu alle Menschen über 70 geimpft sein werden. Im Sommer könne es dann schon die Hälfte der Bevölkerung sein. Die positive Nachricht: In Großbritannien sind bereits zwei Impfstoffe zugelassen, der von Pfizer/Biontech und das von AstraZeneca mit der Universität Oxford entwickelte Produkt. Letzteres lässt sich im Vereinigten Königreich produzieren. Es ist leichter zu handhaben und preisgünstiger als das Produkt aus Deutschland. Zudem ist die Impfbereitschaft hoch. In einer Umfrage von Kekst CNC sagten 70 %, dass sie sich wahrscheinlich oder sogar sicher impfen lassen werden. In Frankreich lag dieser Wert bei gerade einmal 45 %.