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Bidens Wahl freut Johnsons Gegner

Von Andreas Hippin, London Börsen-Zeitung, 12.11.2020 Der britische Premierminister Boris Johnson (56) wird seit dem Wahlsieg von Joe Biden in den Vereinigten Staaten von seinen Gegnern als Alter Ego von Donald Trump verunglimpft. Die Grundlagen...

Bidens Wahl freut Johnsons Gegner

Von Andreas Hippin, LondonDer britische Premierminister Boris Johnson (56) wird seit dem Wahlsieg von Joe Biden in den Vereinigten Staaten von seinen Gegnern als Alter Ego von Donald Trump verunglimpft. Die Grundlagen dafür bieten sein Haarschnitt und der Umstand, dass ihn der an seinem Sessel klebende US-Präsident einst als “Britain Trump” feierte. Wie viele linke Brexit-Gegner glaubte Trump offenbar, dass das Votum der Briten für den EU-Austritt zu seinem Wahlsieg vor vier Jahren beigetragen hat. “Nun liegt es an der britischen Bevölkerung, sicherzustellen, dass beide Trumps auf den Schrotthaufen der Geschichte verfrachtet werden”, twitterte der Labour-Politiker David Lammy, der sich nun auf der Gewinnerseite sieht und im Falle eines Wahlsieges der Opposition Justizminister würde. “Egal ob man links oder rechts steht: Mäßigung, Integrität, Ernsthaftigkeit und der Mainstream sind zurück”, triumphierte der ehemalige Schatzkanzler George Osborne, dem Johnsons Vorgängerin Theresa May nach dem EU-Referendum den Laufpass gab.Mit den Verhältnissen in Großbritannien und der Person Boris Johnson hat all das nichts zu tun. Der großbürgerliche Bonvivant unterstützt die Homo-Ehe und eine Amnestie für illegale Einwanderer. Im Gegensatz zu Trump glaubt “BoJo” an den Multilateralismus. Das hat Großbritannien in der Frage, wie man mit dem Iran umgehen soll, auf Konfrontationskurs mit den Vereinigten Staaten gebracht. Londons ehemaliger Bürgermeister ist zwar für den freien Welthandel, wollte aber den berüchtigten Chlorhühnchen nicht Tür und Tor öffnen. Trump ist dagegen ein ganz undifferenzierter Protektionist. Johnson nimmt den Kampf gegen den Klimawandel, der von Trump weiter geleugnet wird, sehr ernst – nicht zuletzt dank seiner Lebensgefährtin, der Tierschützerin Carrie Symonds.Anders als der neureiche Unternehmer aus dem New Yorker Stadtteil Queens ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson ein fester Bestandteil des britischen Establishments. König George II. gehört ebenso zu seinen Vorfahren wie der Journalist Ali Kemal Bey, der einst dem Großwesir des Osmanischen Reichs als Innenminister diente. Seine Verwandtschaft mit Bey nutzt er geschickt als Schutzschild gegen Islamophobie-Vorwürfe. Seine Urgroßmutter übersetzte die Werke Thomas Manns ins Englische. Der “New York Times” zufolge belegt seine Familie im britischen Leben einen Platz “irgendwo im weiten, formlosen Raum zwischen den Kennedys und den Kardashians”. Bidens Wahlsieg schwächt Johnsons Position nicht, denn er ist kein britischer Trump. Daraus lässt sich keine große Erzählung stricken, die alles miteinander verknüpft, sosehr es seine Gegner auch versuchen werden.