GASTBEITRAG ZUR SERIE: ANLAGETHEMA IM BRENNPUNKT (81)

Von einer alternden Bevölkerung profitieren

Börsen-Zeitung, 3.8.2019 Laut Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von aktuell 7,7 Milliarden Menschen auf 9,7 Milliarden ansteigen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sollte die Gesamtzahl dann auf 10,9...

Von einer alternden Bevölkerung profitieren

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von aktuell 7,7 Milliarden Menschen auf 9,7 Milliarden ansteigen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sollte die Gesamtzahl dann auf 10,9 Milliarden klettern. Dieses rasante Wachstum geht mit großen Herausforderungen einher, zum Beispiel in der Nahrungsmittel- und der Wasserversorgung. Das Bevölkerungswachstum findet jedoch neben den USA primär in den Schwellenländern statt.Die Menschen in den entwickelten Ländern werden aber immer älter und beziehen damit immer länger Rente. Gleichzeitig sinken die Geburtenraten in den Industrienationen. Besonders deutlich ist dieser Trend in Deutschland oder Japan. Aber auch China steht vor der Herausforderung einer alternden Bevölkerung. 2017 lebten fast eine Milliarde Menschen auf der Erde, die älter als 60 Jahre waren. In den nächsten 30 Jahren wird sich ihre Anzahl laut der Vereinten Nationen verdoppeln.Oft wird argumentiert, dass die Inflation als Folge einer älter werdenden Bevölkerung steigen wird. Mit zunehmendem Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung und bei steigender Zahl der Ruheständler sollten die Löhne durch den Konkurrenzkampf um Arbeitskräfte steigen. Gleichzeitig dürften Arbeitnehmer, die während ihrer Beschäftigung sparen, nach ihrer Pensionierung ihre Ersparnisse aufbrauchen. In der Folge würde die Inflation in die Höhe getrieben. Nicht unbedingt inflationärAndererseits könnte eine alternde Bevölkerung wie in Japan zu Desinflation oder gar Deflation führen, wenn Arbeitnehmer während ihres Berufslebens auf Konsum verzichten, um für eine längere Lebenserwartung zu sparen. Wenn außerdem Automatisierung und Technologie arbeitsintensive Tätigkeiten ersetzen, wächst die Produktivität, was die langfristige Inflation niedrig hält.Wir gehen davon aus, dass eine alternde Bevölkerung die Inflation – zumindest kurzfristig – nicht in die Höhe treibt. Folglich dürften auch die Anleiherenditen aufgrund von demografischen Faktoren niedrig bleiben. Mit dem Wissen um eine verlängerte Lebenserwartung werden mehr Menschen dazu neigen, während ihres Erwerbslebens selbst vorzusorgen, insbesondere wenn das Renteneintrittsalter steigt und die staatlichen Leistungen sinken. Dies wird zu einer steigenden Nachfrage nach Anleihen führen und die Anleiherenditen somit nach oben begrenzen.Die steigende Nachfrage zeigt sich schon heute in dem wachsenden Volumen der Pensionsfonds. Die Unternehmensberatung Willis Towers Watson schätzt, dass das globale institutionelle Pensionsfondsvermögen in den 22 wichtigsten Märkten Ende 2017 bereits 41,3 Bill. Dollar betrug. Dies entspricht grob der jährlichen Wirtschaftsleistung von Europäischer Union, USA und China zusammen. Tendenz steigend. Um die dringend benötigte Rendite für die Vorsorge betreibende Bevölkerung zu erzielen, bedarf es der Expertise von Vermögensverwaltern und Lebensversicherern. Diese sollten entsprechend von der steigenden Nachfrage nach Rentenprodukten profitieren.Nutzen aus der höheren Lebenserwartung ziehen zudem besonders Pharma- und Medizintechnikunternehmen, denn im Alter klettern die Gesundheitsausgaben durch höheren Pflegeaufwand und intensivere medizinische Versorgung erheblich. Laut Statistischem Bundesamt sind die Gesundheitsausgaben eines 65- – 85-Jährigen in Deutschland rund fünf Mal so hoch wie die eines 15- bis 30-Jährigen.Medikamentenhersteller und Medizintechnikunternehmen zeichnen sich durch starke Wachstumszahlen bei einem defensivem Charakter des Geschäftsmodells aus. Gesundheitsvorsorge wird immer gebraucht, auch wenn die politischen Konflikte zunehmen oder die Wirtschaft schwächelt. Steigende GesundheitskostenAllerdings sind die Bereiche der staatlichen Gesundheitssysteme, die reguliert sind – oder werden können – mit Vorsicht zu genießen. Schließlich hatte Donald Trump im Wahlkampf harte Einschnitte für die Pharmaindustrie angekündigt. Er drohte mit Preissenkungen für Medikamente. Konkrete Maßnahmen blieben bisher jedoch aus. Laut neuesten Schätzungen wird erwartet, dass die nationalen Gesundheitsausgaben in den USA von 2018 bis 2027 um durchschnittlich 5,5 % pro Jahr zulegen werden – also stärker als das Wirtschaftswachstum.Das Angebot des Gesundheitssektors ist breit gefächert und reicht von Arzneimitteln über dienstleistungsorientierte Produkte bis hin zur sozialen Infrastruktur, die Altenpflege z. B. in Form von Krankenhäusern und betreuten Wohn-/Pflegeheimen anbietet. So hat beispielsweise der Bedarf an Pflegeheimen in Deutschland deutlich zugenommen. Neben der steigenden Anzahl an älteren Menschen geht dies auch auf eine sinkende Bereitschaft zur privaten Pflege zurück. Technologische Innovationen im Gesundheitswesen dürften den Sektor ebenfalls stark voranbringen, so könnte der 3-D-Biodruck von Organen den Organersatz billiger und breiter verfügbar machen. Die Finanzierung von Start-ups im Gesundheitswesen hat einen deutlichen Anstieg der Investitionen erfahren. Anleger müssen jedoch bedenken, dass das Ausmaß des Erfolgs dieses Sektors von seiner Preismacht und seinem Zugang zu Schwellenländern bestimmt wird, die die Nachfrage nach dieser Gesundheitsversorgung treiben dürften.Darüber hinaus dürften Unternehmen gute Geschäftsaussichten haben, die von den Konsumgewohnheiten der alternden Bevölkerung profitieren. Zu nennen wären beispielsweise Hersteller von Hörgeräten oder Treppenliften sowie Reiseanbieter oder auch Unternehmen, die sich auf Hygieneartikel für Senioren spezialisiert haben.Der Trend einer alternden Bevölkerung ist in jedem Fall ein langfristiger struktureller Trend, der weitgehend unabhängig von kurzfristigen politischen sowie wirtschaftlichen Ereignissen wie dem Handelskrieg zwischen den USA und China ist. Dies macht den Megatrend in unseren Augen zusätzlich attraktiv. Unternehmensimmanente Risiken sollten jedoch auch hier nicht unterschätzt werden, weshalb Diversifikation ein wichtiger Teil der Investmentstrategie sein sollte. Insgesamt ist festzuhalten, dass demografische Entwicklungen systematische Effekte auf Realwirtschaft und Kapitalmärkte haben. Dabei macht es aus unserer Sicht Sinn, sich in Unternehmen zu engagieren, die von der Alterung der Bevölkerung besonders profitieren. Ulrich Urbahn, Head of Strategy and Research, Berenberg Zuletzt erschienen: Das Ende der Globalisierung: Warum Deutschland besonders betroffen ist (80), M.M. Warburg Jahrhundert der Biologie bringt Innovationsfeuerwerk (79), Pictet