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Frauen schreiben an der Wall Street Geschichte

Von Norbert Kuls, New York Börsen-Zeitung, 15.9.2020 Mehr als fünfzig Jahre nachdem Muriel Siebert als erste Frau die Zulassung zum Handel an der New Yorker Börse erhielt, hat die Wall Street einen neuen historischen Meilenstein erreicht. Mit Jane...

Frauen schreiben an der Wall Street Geschichte

Von Norbert Kuls, New YorkMehr als fünfzig Jahre nachdem Muriel Siebert als erste Frau die Zulassung zum Handel an der New Yorker Börse erhielt, hat die Wall Street einen neuen historischen Meilenstein erreicht. Mit Jane Fraser übernimmt erstmals eine Frau den Vorstandsvorsitz einer großen amerikanischen Bank. Die Britin wird beim viertgrößten US-Kreditinstitut Citigroup ab Februar auf den langjährigen CEO Michael Corbat folgen. (BZ vom 11. September.) “Großartige Nachrichten heute”, kommentierte Christiana Riley, die Amerika-Chefin der Deutschen Bank – selbst die einzige Frau im zehnköpfigen Vorstand des deutschen Branchenprimus.Der Sensationscharakter der Personalie war auch Indiz dafür, wie überfällig eine solche Entscheidung war. Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Debatten um kulturelle und ethnische Vielfalt (Black Lives Matter) und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (#Metoo) war die Dominanz weißer Männer an der Spitze der Finanzbranche geradezu peinlich geworden – insbesondere weil alle Banken seit Jahren mehr Diversität versprechen.Die gläserne Decke an der Wall Street schien besonders hart. Zwar ist der Anteil weiblicher CEOs bei den 500 umsatzstärksten US-Firmen nach Angaben der Lobbygruppe Catalyst mit etwas mehr als 7 % auch weit von Parität entfernt. Aber in anderen Branchen gibt es schon seit Jahrzehnten Vorstandschefinnen.Dabei mangelt es der US-Finanzbranche nicht an talentierten Frauen. Verschiedene Studien beziffern den Anteil von Frauen in Führungspositionen der Wall Street derzeit von 14 % bis auf mehr als 20 %. Das war aber nicht immer so. Als die heute 53 Jahre alte Fraser Ende der achtziger Jahre bei der Investmentbank Goldman Sachs anfing, gab es dort kaum Frauen. Zudem herrschte an der Wall Street eine offen sexistische Kultur. Definiert wurden die neunziger Jahre von der Sammelklage weiblicher Angestellter gegen das Brokerhaus Smith Barney wegen sexueller Belästigung und ungleicher Bezahlung. Die Klage wurde mit einem dreistelligen Millionen-Dollar-Vergleich beigelegt. Es war nicht die einzige ihrer Art. Subtile DiskriminierungDerart krass ist diese Kultur nicht mehr, aber subtilere Diskriminierung hält an. So wird Frauen immer noch unterstellt, dass sie nicht die für die Wall Street nötige Intensität mitbringen – besonders wenn sie Mütter sind. Fraser ist das beste Gegenbeispiel dafür. Sie hat zwei Kinder, aber auch einen Mann, der seine eigene Karriere zurücknahm, um sich stärker um den Nachwuchs zu kümmern. Auch das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen besteht nach wie vor. Sallie Krawcheck, die vor einigen Jahren die an Frauen gerichtete Investmentplattform Ellevest gründete, hält Geld für den entscheidenden Punkt für echte Gleichstellung zwischen Männern und Frauen. “Geld ist Macht. Geld ist Unabhängigkeit”, sagt sie.Krawcheck war im vergangenen Jahrzehnt selbst einmal als potenzielle Vorstandschefin der Citigroup gehandelt worden. In dieser Epoche gab es an der Wall Street eine ganze Reihe von Managerinnen, die auf dem Sprung an die Spitze einer Bank schienen. Die Finanzkrise hat die Karriere dieser Frauen allerdings abrupt beendet.Auch andere hoffnungsvolle Karrieren endeten kurz vor dem Gipfel. Karen Peetz wurde 2011 bei der Bank of New York Mellon bei der Neubesetzung des CEO-Postens übergangen, obwohl sie damals die ertragsstärkste Sparte führte. Anfang 2013 wurde sie Präsidentin, also die Nummer zwei der Bank. Nach vier Jahren in dieser Rolle verließ Peetz die Bank schließlich. Ein halbes Jahr später gab es dort einen neuen CEO.Dennoch schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es Frauen an der Wall Street ganz nach oben schafften. Fraser hatte in ihren 16 Jahren bei der Citigroup nach und nach wichtigere Rollen übernommen, das amerikanische Firmenkundengeschäft, die Region Lateinamerika und schließlich das globale Privatkundengeschäft geleitet. Die Verwaltungsräte, die Spitzenpersonalien entscheiden, spielen eine wichtige Rolle bei dieser gezielten Förderung. Bei der Citigroup hat das Gremium den höchsten Frauenanteil unter den Wall-Street-Banken.Auch mit Jane Fraser an der Spitze der Citigroup sind natürlich nicht alle Probleme der Branche gelöst. In einem schlagzeilenträchtigen Fall klagt die ehemalige Co-Vorstandschefin der großen Hedgefondsgesellschaft Bridgewater, Eileen Murray, wegen Diskriminierung gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber.Mit der ersten Vorstandschefin einer großen Bank ist aber möglicherweise ein Damm gebrochen, der über Personalfragen hinausgeht. Wall-Street-Pionierin Siebert, die 2013 gestorben ist, durfte das zwar nicht mehr miterleben. Aber ihr Investmenthaus, das jetzt als Siebert Williams Shank firmiert und von der Afroamerikanerin Suzanne Shank geleitet wird, wurde im März von der Citigroup bewusst als Konsortialführer für eine Anleiheemission angeheuert, weil es in weiblichem Besitz ist. “Wir tragen alle Verantwortung dafür, dass unsere Geschäftspraktiken die Vielfalt und den Fortschritt spiegeln, den wir uns wünschen”, sagte damals eine Spitzenmanagerin der Citigroup. Es war die zukünftige Vorstandschefin, Jane Fraser.