WOLFSBURG (dpa-AFX) – Das Präsidium des VW -Aufsichtsrates hat eine Festlegung auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung für Konzernchef Herbert Diess vermieden. In der Sitzung vom Dienstagabend machte der innerste Machtzirkel des weltgrößten Autokonzerns einen Bogen um die in der Öffentlichkeit schwelende Frage nach dem Vertrauen in den 62-jährigen Manager. Wie aus Teilnehmerkreisen hervorging, soll es nicht im Kern um eine Vertragsverlängerung für Diess gegangen sein, die dieser dem Vernehmen nach erneut ins Spiel gebracht hatte.

Am Mittwochvormittag verlor die im Dax notierte Vorzugsaktie der Wolfsburger rund zwei Prozent. Der Dax verlor rund ein halbes Prozent, der Index der europäischen Autobauer und -zulieferer rund ein Prozent. Am Vortag hatte das VW-Papier 4,3 Prozent zugelegt.

Keine Nachrichten seien in diesem Fall gute Nachrichten, schrieb JPMorgan-Analyst Jose Asumendi in einer ersten Einschätzung. Es seien keine wichtigen Beschlüsse bekannt geworden, und so zähle für ihn das wiederholte Bekenntnis der Eigentümerfamilien zu Herbert Diess als Vorstandschef des Konzerns.

Ob das Thema nach dem Treffen der mächtigsten VW-Aufseher nun vom Tisch ist, hängt wohl auch von Diess selbst ab. Im Sommer war er mit dem Vorschlag einer eigenen Vertragsverlängerung bereits abgeblitzt, in der Folge hatte es einen Eklat um Vorwürfe an Teile des Kontrollgremiums gegeben, für die sich Diess entschuldigen musste. Der erneute Vorschlag galt daher vielen als Art Vertrauensfrage – nämlich, ob Diess sich für den forschen Umbau des Konzerns und für eigene Vorstellungen rund ums Management-Personal noch der vollen Unterstützung der Familieneigentümer sicher sein konnte.

Gelebter Brauch ist es in Wolfsburg, wie auch in vielen anderen Konzernen, erst ein Jahr vor dem Auslaufen eines Vorstandvertrags über die Verlängerung zu reden – Diess ist aber noch bis ins Frühjahr 2023 bestellt. Nach offiziellen Aussagen steht daher derzeit auch keine Vertragsverlängerung zur Debatte, und die Eigentümer stehen nach eigenem Bekunden auch weiter hinter Diess.

Das Präsidium bereitet die Themen für die nächste ordentliche Sitzung des gesamten Aufsichtsrates zudem lediglich vor – und nur dieser kann auch solche Personalfragen dann abschließend entscheiden. Einem Vorschlag des mächtigen Präsidiums folgt der Kontrollrat aber in aller Regel.

Am Aktienmarkt war die Sitzung mit Spannung erwartet worden. Viele Investoren stützen den Kurs von Diess, der den Riesentanker VW mit Wucht in die Elektrowelt steuern will. Einige Finanzanalysten von Investmentbanken, die vor allem außenstehende Anleger beraten, hatten sich von den Oberen im VW-Machtgefüge eine klare Positionierung zu Diess erhofft.

Diess hatte ihnen versprochen, die Strukturen in Wolfsburg zu verschlanken und zu vereinfachen und so auch den Börsenwert von VW in die Höhe zu treiben. Minderheitsaktionäre halten zwar gut 42 Prozent des Kapitals, aber nur knapp 10 Prozent der Stimmrechte am Konzern.

Tonangebend sind mit gut 53 Prozent der Stimmen die Familien Porsche und Piëch, mit 20 Prozent das Land Niedersachsen, und mit weiteren 17 Prozent das Emirat Katar. Traditionell haben die Arbeitnehmerseite und das Land Niedersachsen bei VW ein gewichtiges Wort mitzusprechen, wenn es um Strategie und Aufstellung des Konzerns geht.

Das Machtvakuum, das den Autobauer seit Juni überschatte, sollte beendet werden, schrieb Branchenexperte Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Bernstein Research Anfang der Woche. Bereits zuvor hatte sich der Analyst ein klares Bekenntnis zu Diess gewünscht. VW habe die Größe, jede Technologie umzusetzen, und auch die Innovationskraft, ein Trendsetter zu sein. Was dem Konzern aber anscheinend fehle, sei die richtige Führungsstruktur, diese Möglichkeiten effektiv und nachhaltig anzugehen. Bei VW gehe die Mitbestimmung des Betriebsrats zu weit, hatte er in einem offenen Brief an die Familien Porsche und Piëch geurteilt.

Zum Jahresende gehen die Volkswagen -Aufseher oft verschiedene Themen in einer Art Bestandsaufnahme durch. In der vergangenen Woche hatte es neue Spekulationen über die Zukunft von Diess beim weltgrößten Autohersteller gegeben. Der Vorstandschef soll sich demnach von der Arbeitnehmerseite bei wichtigen Personalvorschlägen und beim beschleunigten Konzernumbau ausgebremst fühlen.

Für den Mitte 2021 freiwerdenden Posten des Konzern-Finanzchefs hatte Diess den Informationen zufolge den ehemaligen VW-Marken- und jetzigen Audi-Finanzchef Arno Antlitz vorgeschlagen. Offenbar fürchtet der Betriebsrat, dass mit Antlitz auch ein neues Sparprogramm auf den Tisch kommen könnte. Zudem muss das vakante Einkaufsressort neu besetzt werden. Ob es in der Sitzung am Dienstagabend auch um diese Personalien ging, blieb zunächst unklar.

Im achtköpfigen VW-Aufsichtsratspräsidium sitzt auch Betriebsratschef Bernd Osterloh, mit dem Diess schon mehrfach bei strategischen und personellen Fragen aneinandergeraten war. Neben Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und den Familienvertretern Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch sind unter anderem auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vertreten./men/jap/ssc/nas

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