MARKTPLATZ

Geopolitik treibt Ölpreis an


Nach Erdgas und Strom trifft es nun auch den Ölpreis: Die Notierung der Benchmark-Sorte Brent Crude steigt immer weiter. Mit zeitweise mehr als 89 Dollar je Barrel ist bereits der höchste Stand seit 2014 erreicht. Ein Ende ist trotz der leichten Abkühlung am Freitag vorerst nicht abzusehen, die Analysten von Goldman Sachs halten einen Anstieg auf bis zu 100 Dollar für durchaus realistisch. Ein solches Niveau soll in der zweiten Jahreshälfte erreicht werden.

Die Gründe für den Anstieg des Ölpreises sind durchaus mit denjenigen für die Preisexplosion bei Erdgas zu vergleichen. Einem auch aus politischen Gründen knappen Angebot steht eine robuste Nachfrage gegenüber, wobei Aktivitäten spekulativer Marktteilnehmer den Preisanstieg noch beschleunigen. Was das Angebot betrifft, so hält das Kartell Opec plus das Angebot knapp. Das Staatenbündnis bleibt bislang dabei, die Fördermenge jeden Monat um lediglich 400 000 Barrel pro Tag (bpd) zu erhöhen. Hierbei spielen auch politische Gründe eine Rolle, weil weder Russland noch Saudi-Arabien daran interessiert sind, der mit Blick auf die Wiederwahlchancen auf eine Produktionsausweitung dringenden Biden-Administration einen Gefallen zu tun. Erst vor wenigen Tagen hat der saudi-arabische Ölminister noch einmal betont, er habe kein Problem mit dem gegenwärtigen Ölpreisniveau – was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass das Land für den teuren Krieg im Jemen viel Geld braucht. Hinzu kommen noch unfreiwillige Produktionseinschränkungen in mehreren Förderländern – oder wie im Fall der Unruhen in Kasachstan und ihrer Niederschlagung auch nur die Angst davor. Die Bemühungen der US-Regierung, durch die Freigabe von Öl der strategischen Reserve mehrerer verbündeter Länder den Preis zu senken, dürfen mittlerweile als komplett gescheitert gelten.

Robuste Nachfrage

Dem steht eine robuste Ölnachfrage gegenüber und auch die Erwartung, dass sich auch mit der raschen Verbreitung der Omikron-Virusvariante wegen der meist milden Krankheitsverläufe wenig daran ändern wird. Viele Länder haben daher schon ihre zunächst ergriffenen Gegenmaßnahmen deutlich abgemildert. Bisher für realistisch gehaltene Berechnungen, wonach es im laufenden Quartal eine Überversorgung des Marktes um 1,3 bis 1,5 Mill. Barrel pro Tag geben soll, erweisen sich als falsch. Die Rohstoffanalysten von Goldman Sachs erwarten nun beispielsweise, dass die Opec plus ihre Produktion im laufenden Jahr nur um 2,5 Mill. bpd erhöhen wird, während die Nachfrage ihrer Meinung nach um 3,5 Mill. bpd zunehmen soll. Die Opec geht sogar von einem Anstieg der globalen Ölnachfrage um 4,15 Mill. bpd aus. Sie rechnet für 2022 mit einem Bedarf an Opec-Öl von durchschnittlich 28,9 Mill. bpd. Dies liegt um rund 1 Mill. bpd über der Produktionsmenge der Opec vom Dezember.

Hinzu kommen als preistreibender Faktor zunehmende geopolitische Spannungen. So hat es im Jemen-Krieg jetzt einen Angriff der Huthi-Rebellen auf ein Öldepot in den auf der Seite der Saudis kämpfenden Vereinigten Arabischen Emiraten gegeben, und weitere Attacken wurden angekündigt. Dass dies keine leeren Drohungen sind, zeigt der Angriff der Huthi-Rebellen auf ölverarbeitende Zentren des staatlichen saudi-arabischen Konzerns Aramco vom September 2019, der zumindest kurzzeitig dazu führte, dass mehr als die Hälfte der saudi-arabischen Ölproduktion ausfiel. Derartige Vorfälle könnten bewirken, dass die Marktteilnehmer eine höhere geopolitische Risikoprämie im Ölpreis für erforderlich halten. Für den Preisanstieg zumindest mitverantwortlich ist aber auch das verstärkte Interesse von Finanzinvestoren am Ölmarkt. Gemäß den neuesten verfügbaren Daten ist die Zahl der sogenannten branchenfremden Netto-Long-Kontrakte, mit denen diese auf einen weiteren Preisauftrieb setzen, zuletzt kräftig gestiegen. Durch den Zustand der Backwardation auf dem Markt, also den Umstand, dass kurzfristige Kontrakte höher notieren als längerfristige, wird Öl für Finanzinvestoren interessanter, weil die Übertragung von Gewinnen aus auslaufenden Kontrakten auf neue mit sogenannten Roll-Gewinnen verbunden ist.

Allerdings ist nicht zu erwarten, dass sich der Ölpreis ähnlich wie bei Erdgas und Strom gleich vervielfacht – sofern es nicht zu schweren geopolitischen Krisen kommt. Die auf breiter Front steigenden Energiepreise dürften zusammen mit der allgemeinen Materialknappheit die nach wie vor fragile globale Konjunktur abbremsen, was den Preisauftrieb deckeln sollte.

Börsen-Zeitung, 22.01.2022, Autor Dieter Kuckelkorn, Nummer 15, Seite 1, 623 Wörter